Professor Thierry Carrel, Herzchirurgie heute und morgen

Vitamag hatte das Vergnügen, ein Interview mit Professor Thierry Carrel zu führen, dem Direktor der Klinik für Herzchirurgie am Inselspital Bern. Der international renommierte Chirurg beantwortete unsere Fragen über bisherige und künftig zu erwartende Fortschritte in der Herzchirurgie.

Welches waren in Ihren Augen die wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre oder Jahrzehnte im Bereich der Herzchirurgie?

Drei Faktoren haben die Herzchirurgie in den letzten 10 bis 15 Jahren grundlegend verändert. Erstens die Digitalisierung. Über einen Bildschirm kann ich heute zum Beispiel sehr schnell meine Meinung zu einem Fall abgeben, der in einem anderen, dem Übertragungssystem angeschlossenen Spital behandelt wird. Die Digitalisierung hat im Operationssaal Fuss gefasst, aber auch im gesamten Gesundheitsmanagement und in der Ärzteausbildung.

Zweitens hat die Miniaturisierung die Operationsbedingungen schrittweise verändert. Nehmen wir als Beispiel die Herz-Lungen-Maschine, die seit Ende der 1950er-Jahre existiert. Diese Maschine übernimmt die Herzfunktion und stellt die Beatmung und die Blutzirkulation sicher. Die ersten Maschinen «liefen» mit 3 Litern Blut, heute benötigen sie noch 300 ml! Drittens hat sich die Operationstechnik verändert. Wenn möglich wird nicht mehr am offenen Herzen operiert, sondern mit weniger invasiven Methoden – mit Minischnitten und Unterstützung durch ein Videoskop oder mit Verfahren, bei denen Katheter in eine Vene oder periphere Arterie eingeführt und dann zum Herzen gebracht werden. Der Brustkorb muss dabei nicht mehr geöffnet werden, überwacht wird die Operation mit Ultraschall, Scanner oder Angiografie.

Nach der klassischen Chirurgie am sogenannt offenen Herzen wird somit heute versucht, am «geschlossenen Herzen» zu arbeiten?

Ja, der Trend geht in diese Richtung. Dank technischer Fortschritte und neuer Operationsverfahren können wir immer ältere Patienten operieren. Während ein 85-jähriger Patient nicht mehr in Frage kommt für eine offene Operationstechnik, ist ein Eingriff mittels Endoskopie oder Kathetern eher denkbar. Minimalinvasive Verfahren werden von den Patienten häufig als vorteilhafter betrachtet, weil sie weniger belastend sind, das Ergebnis ist allerdings häufig nicht ganz so perfekt wie bei der konventionellen Herzchirurgie.

Einige Worte zur Herztransplantation. Welche Lösungen sehen Sie für das Problem, dass immer mehr Menschen auf ein Herz warten, das ihnen transplantiert werden kann?

Herztransplantationen sind ziemlich spektakuläre Eingriffe. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass die Fortschritte der Transplantationsmedizin untrennbar verbunden sind mit neuen Errungenschaften in der Immunologie, denn dank dieser Disziplin ist es gelungen, Organabstossungen zu verhindern und zu behandeln und langfristig bessere Ergebnisse zu erzielen.

Für die steigende Zahl von Personen, die an einer Herzinsuffizienz leiden, gibt es heute hervorragende Medikamente, die bei über 90% gute Ergebnisse zeigen. Den übrigen Patienten können wir eine Herztransplantation vorschlagen, allerdings  gibt es einen Organmangel und Wartelisten. Einzuräumen ist auch, dass nach der Transplantation eine belastende medikamentöse Behandlung erforderlich ist.

Ein sogenanntes Kunstherz, das heisst ein unterstützendes System, das teilweise oder vollständig implantiert wird und das Herz ergänzt oder ganz ersetzt, bietet somit eine interessante Alternative. Ein weiterer Vorteil: Diese Systeme sind dann verfügbar, wenn man sie braucht, was bei den Transplantaten nicht der Fall ist. Schliesslich genügt als medikamentöse Behandlung nach dem Einsetzen eines Kunstherzens im Wesentlichen ein Blutverdünnungsmittel. Diese Minipumpen wiegen zwischen 20 und 180 Gramm und werden ins Herz oder in Herznähe platziert. Dort «überbrücken» sie die linke Herzkammer, indem sie deren Arbeit übernehmen. Zum Vergleich: Hier in Bern transplantieren wir jährlich rund 15 Herzen, dagegen implantieren wir rund 30 Kunstherzen bei Patienten mit sehr schwerer Herzinsuffizienz.

Sicher ist jede Operation speziell. Gibt es trotzdem ein besonderes Ereignis, das Sie nie vergessen werden?

Das ist eine schwierige Frage! Sicher gibt es jedes Jahr eine bis zwei Operationen, die aus dem Rahmen fallen. Ich erinnere mich an eine Operation, die noch nicht so lange zurückliegt, im Herbst 2014. Der Patient war erst 24 Jahre alt und hatte bereits drei Operationen am offenen Herzen hinter sich, unter anderem in den USA. Es war ein äusserst komplizierter Fall, und niemand hatte es besonders eilig, ihn zu behandeln. Es galt, ein grosses Aneurysma, eine Arterienerweiterung von mehreren Zentimetern Durchmesser auf einer Koronararterie, zu operieren, die normalerweise nur ein bis zwei Millimeter misst. Eines dieser Dinge, die man im Leben als Chirurg nur einmal sieht! Wir entschieden uns für eine Operation mit Katheter, doch die Verhältnisse «vor Ort» waren nicht so, wie wir sie erwarteten, und leider führte der Versuch, den Aneurismus zu stabilisieren, zu einer Unterbrechung der Blutversorgung im Herzen. Das Herz hörte auf zu schlagen, wir mussten reanimieren, notfallmässig den Brustkorb öffnen und am offenen Herzen operieren, dazu noch in einem OP, der nicht dafür vorgesehen war. Die Operation ging glücklich aus: Der  Patient konnte nach sechs Wochen nach Hause, für uns war diese Operation aber zugleich ein Rennen gegen die Zeit und ein Marathon. Wir hätten den Patienten ebenso gut verlieren können!

Wir danken Ihnen herzlich, Herr Professor Carrel, dass Sie unsere Fragen beantwortet haben.

Das Interview führte…