Cyril Lin: „Man muss nicht unbedingt stark sein!“

Cyril Lin interview Rugby
Die Werte, die Rugby ausmachen, sind Respekt vor der gegnerischen Mannschaft und vor dem Schiedsrichter, Engagement, das man für das, was man macht, mitbringt… und Kameradschaft!

Rugby ist ein beliebter Sport, der wichtige Werte vermittelt… aber auch missverstanden wird. Cyril Lin, seit 2012 Kapitän der Schweizer Rugby-Nationalmannschaft, erzählt uns mehr über diese Sportart, die auf dem Spielfeld Kraft und Solidarität verbindet.

Was bedeutet es, Kapitän eines Rugby-Teams zu sein? Als Kapitän trifft man Entscheidungen auf dem Spielfeld und kümmert sich um das Teamleben. Ich bin Leiter der Mannschaft. Ich komme ursprünglich aus dem Südwesten Frankreichs, wo Rugby gut etabliert ist. Mein Vater war Rugbyspieler. Ich habe im Alter von neun Jahren angefangen. Heute bin ich 36 Jahre alt. Ich spiele seit fast 30 Jahren. Meine beiden Söhne – 9 und 13 Jahre alt – spielen ebenfalls. Sie haben auch andere Sportarten ausprobiert, sind aber zum Rugby zurückgekommen.

Wie unterscheidet sich Rugby von anderen Teamsportarten? Die Funktionen sind verschieden, darum gibt es auf dem Spielfeld unterschiedliche Positionen. Es handelt sich um einen Teamsport, bei dem man wirklich jeden braucht. Die Werte, die Rugby ausmachen, sind Respekt vor der gegnerischen Mannschaft und vor dem Schiedsrichter, Engagement, das man für das, was man macht, mitbringt… und Kameradschaft!

Was sagen Sie denjenigen, die Rugby für eine Sportart halten, bei der sich raue Schlägertypen auf dem Spielfeld verprügeln? (lacht) Das bringt mich zum Lachen! Wenn man diese Sportart nicht kennt, kann sie schon Angst machen. Aber ich schlage Leuten jeden Alters vor, sie auszuprobieren. Es ist wirklich kein so gewalttätiger Sport! Um Rugby zu verstehen, muss man es zwei- oder dreimal versuchen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Wir sind auch in Schulen präsent, um den Sport so vielen Leuten wie möglich näher zu bringen. Kinder müssen sich austoben können, ihren Kopf leeren, abschalten…

In welchem Alter kann man mit Rugby anfangen? Da gibt es kein Alter. Ein Fünfjähriger kann spielen. Bereits mit drei Jahren kann man mit Rugby ohne Körperkontakt anfangen, indem man sich den Ball zuspielt und die motorischen Fähigkeiten trainiert. Mit etwa sechs Jahren kann man dann wirklich loslegen. Manche kommen im Teenager-Alter oder als Erwachsene hinzu, da gibt es keine Regeln.

Was braucht ein guter Spieler? Man muss nicht unbedingt stark sein! Es braucht auch kleine Spieler, die schnell rennen können! Man darf keine Angst vor Körperkontakt haben, das ist wohl die einzige Voraussetzung. Und dann gibt es noch den feierlichen Aspekt. Die ersten zwei Halbzeiten finden auf dem Spielfeld statt. Die dritte spielt sich weg vom Platz ab! Das schafft starke Freundschaften und gute Erinnerungen. Oft isst man nach dem Training zusammen, geht nach den Spielen feiern. Das gehört auch zum Rugby.

„Das schafft starke Freundschaften und gute Erinnerungen.“

Kommen Verletzungen im Rugby häufiger vor als in anderen Sportarten? Nicht wirklich. Es ist ein Kontaktsport, darum kann es schon dazu kommen. Aber es handelt sich nicht um schwere Verletzungen, da der Körper gut auf Kontakt vorbereitet ist.

Wie sieht es zur Zeit des Coronavirus mit Kontaktsportarten aus? Während des Lockdowns wurde das Rugby-Training eingestellt. Mittlerweile sind Trainings aber wieder aufgenommen worden, in kleinen Gruppen, jeder mit seinem eigenen Ball und ohne Kontakt. Offiziell sind wir seit Anfang Juli wieder normal dabei, sind aber vorsichtig. An diesem Wochenende konnten wir mit meiner Mannschaft nicht spielen, weil in der gegnerischen Mannschaft ein COVID-Fall festgestellt wurde. Das Spiel wurde abgesagt und die betroffene Mannschaft musste in Quarantäne.

Und wie schützen sich die Spieler in Ihrem Club? Es ist ein Kontaktsport, darum ist man nicht immun, auch wenn man draussen an der frischen Luft spielt. In meinem Club wurden wir getestet, bevor die Meisterschaft wieder aufgenommen wurde. Es ist eine ungewöhnliche Zeit für die Sportwelt im Allgemeinen.

Sind Mädchen im Rugby willkommen? Ja, und es gibt immer mehr davon! Bis zum Alter von 14 Jahren spielen sie mit Jungen. Von da an können Mädchen in weiblichen Teams miteinander spielen. Ab dem 18. Lebensjahr gibt es eine erste Oberliga, und es gibt auch eine Frauen-Nationalmannschaft. Das Frauen-Rugby boomt seit fünf Jahren… Und das ist grossartig!

Welchen Platz nimmt Rugby in Ihrem Leben ein? Wir trainieren zwei- bis dreimal pro Woche und spielen einmal pro Woche. Ab einem gewissen Alter dauert die Erholung nach einem Spiel länger. In der Schweizer Meisterschaft haben wir Leute, die bis zum Alter von 40-45 Jahren spielen. Es gibt auch Veteranenteams.

Welche Art von Karrierewechsel ist für einen Spieler am Ende seiner Karriere möglich? Er kann Trainer oder Schiedsrichter werden. Einige hören ganz auf zu spielen, andere werden Pädagogen. So ist das in meinem Fall, ich kümmere mich um junge Leute in einer Rugby-Schule. Es ist immer gut, das Gelernte weiter zu vermitteln.

Interview von Caroline Libbrecht